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Sexualität nach einem Schwangerschaftsabbruch

Nach einem Vortrag von der Ärztin Kristina Hänel, Gießen,
gehalten auf dem Kongress von FIAPAC, am 24. Mai 2002 in Amsterdam

Vorbemerkung

Dieses Thema beschäftigt uns regelmäßíg, es wurde aber noch nie richtig diskutiert.
Es war mir leider auch nicht möglich, eine Studie zu finden, die sich direkt auf die Fragestellung bezieht. Meine Gedankengänge gründen sich also überwiegend auf theoretische Überlegungen und persönliche berufliche Erfahrungen. Wenn jemand hier im Saal Arbeiten zum Thema kennt, würde ich mich freuen, wenn sie mit in die Diskussion eingebracht werden können.

Übliche Verhaltensregeln nach einem Schwangerschaftsabbruch

Allgemein wird nach dem Schwangerschaftsabbruch Sexualität (in der Regel explizit als Geschlechtsverkehr benannt) verboten, ebenso die Benutzung von Tampons, sowie Schwimmen gehen oder Baden in der Badewanne. Auf den Homepages von Abtreibungseinrichtungen in verschiedenen Ländern fand ich länderübergreifend diese Verbote. Als Zeitraum werden zwei bis drei Wochen oder die Zeit bis zur nächsten Menstruation angegeben. Es gibt einige wenige Zentren, die das Verbot nicht explizit aussprechen oder es nur auf eine Methode des Abbruchs beziehen. Einige empfehlen ein Verbot speziell für den chirurgischen Abbruch, einige sogar nur für den medikamentösen Abbruch, aber nicht für den frühen chirurgischen Abbruch.
Auch in der Literatur finden sich diese widersprüchlichen Aussagen. In dem Lehrbuch „A Clinician’s Guide to Medical and Surgical Abortion“ heisst es: Es ist nicht bekannt, ob das Infektionsrisiko erhöht ist, wenn nach dem Abbruch irgendetwas in die Vagina eingebracht wird. Um sicher zu sein, empfehlen wir, keine Tampons zu nutzen, keinen Geschlechtsverkehr zu haben, usw.
Als Begründung für die Empfehlungen wird ein erhöhtes Infektionsrisiko angegeben. Als Argumente gelten drei Annahmen:

die offene Zervix (Muttermund),
die Gebärmutter als Wunde und
der Penis als Infektionsbringer.
Wir wollen die einzelnen Annahmen genauer betrachten.

Argument 1: Offene Zervix (Muttermund)

Dazu ist zu bemerken, dass wir nicht exakt wissen, wie lange die Zervix tatsächlich geöffnet ist. Wir wissen, dass sie sich bereits am Ende des Abbruchs bei der Kontraktion des Uterus mit zusammenzieht. Andererseits müssen wir anerkennen, dass eine geöffnete Zervix allein kein Geschlechtsverkehrsverbot begründen kann. Denn sonst müssten wir den Verkehr auch für die Menstruation, den Zeitraum nach der Geburt und insbesondere während des Eisprungs verbieten, was ja wohl absurd ist. Ich habe im übrigen auch nach Literatur gesucht, welche die Frage des Infektionsrisikos während der Periode oder nach Geburten beleuchtet, aber auch hier habe ich keine verlässlichen Angaben finden können, die ein Risiko belegen oder aber widerlegen würden.

Argument 2: Gebärmutter ist eine Wunde

Da es keine Studien gibt, ist auch hier unsere medizinische Sichtweise wahrscheinlich von unserer ideologischen Einstellung geprägt: Je nachdem, ob wir die ungewollte Schwangerschaft als eine Einheit mit der Gebärmutter betrachten oder als ein biologisches Gebilde, dass durch autonomes, krebsähnliches Wachstum gekennzeichnet ist, sehen wir nach dem Abbruch die Wiederherstellung eines ursprünglichen physiologischen Zustandes oder eine Wunde. Wenn wir von der Annahme einer Wunde ausgehen sollten, dann wäre auch zu diskutieren, ob es einen Unterschied zwischen chirurgischem und medikamentösem Abbruch gibt.

Argument 3: Penis ist Infektionsbringer?

Wir können davon ausgehen, dass bei einem gesunden Mann eine physiologische Flora vorliegt. Sollten pathogene Keime vorhanden sein, hat eine Infektion wahrscheinlich schon vor dem Abbruch stattgefunden. Wirklich bekannte Gründe für eine erhöhte Infektionsrate sind: das Vorliegen pathogener Keime bereits vor dem Abbruch, unsteriles Arbeiten beim Abbruch oder Gewebereste nach dem Abbruch.

Vorteile von Sexualität?

Die folgenden Vorteile von Sexualität sind natürlich auch durch Sexualpraktiken ohne Penetration (z.B. Masturbation, Petting) erreichbar. Sexuelle Begegnungen nach dem Abbruch können verschiedene positive Aspekte beinhalten: emotionale, psychologische und kognitive. Z.B. kann es für Frauen wichtig sein, Nähe und Anlehnung zu leben, zu wissen, dass alles normal ist, etc. Auf physiologischer Ebene können die Kontraktionen der Gebärmutter Spannungen lösen und damit schmerzlindernd wirken.
Negative Aspekte könnten sein: die Angst vor erneuter Schwangerschaft und auch in einigen Fällen die Tatsache, dass es Frauen gibt, die davon profitieren, wenn es für die Männer ein klares Verbot gibt. Dies berührt aber eine ganz andere Fragestellung.

Nutzen des Geschlechtsverkehr-Verbotes ist nicht erwiesen

Die Empfehlungen für ein Verbot von Geschlechtsverkehr nach einem Schwangerschaftsabbruch sind nicht begründet. Deshalb wäre eine Diskussion sinnvoll, um neue Standards zu entwickeln, die auf tatsächlichen und nachvollziehbaren Erfahrungen beruhen.