abtreibung.at

Traurig und befreit zugleich

Von Marina Knopf, Elfie Mayer und Elsbeth Meyer
Familienplanungszentrum Hamburg, www.familienplanungszentrum.de
Rororo Sachbuch, 141 Seiten, ISBN 3-499-19953-X
(derzeit vergriffen), Download von www.abtreibung.at
Teil II: Persönliche Berichte

Zwei Berichte von Frauen, die unter unwürdigen Bedingungen einen Schwangerschaftsabbruch erlebten. Sie erzählen stellvertretend für viele andere.

«Das war ganz schrecklich.»
Gudrun ist 42 Jahre alt, Lehrerin und verheiratet. Sie hat eine Tochter und einen Sohn. 1976 ließ sie einen Schwangerschaftsabbruch durchführen.

«Mein erster Schwangerschaftsabbruch war schrecklich. Ich war damals 19 Jahre alt und lebte in einer streng katholischen Umgebung. Ich war schwanger, weil mein Gynäkologe sich geweigert hatte, mir die Pille zu verschreiben, und ich es mit Knaus Ogino nicht so richtig hingekriegt habe. Ich war nicht aufgeklärt. Zu Hause durfte man das Thema Verhütung oder Sexualität überhaupt nicht ansprechen. Schrecklich war, daß ich offenbaren mußte, daß ich schwanger bin, aber ich brauchte ja Informationen, wo man abtreiben kann. Dann hatte ich eine Adresse bekommen, sechs Autostunden entfernt in einer völlig fremden Stadt, bei einem Gynäkologen, den ich noch nie gesehen hatte, mit dem ich nur telefoniert hatte. Mein Freund hat mich hingefahren. Als wir in die Praxis kamen, war da noch ein Anästhesist, was ich nicht gewußt hatte. Der wollte wohl auch noch mit daran verdienen. Ich wurde nur kurz begrüßt, dann wurde mir gesagt, ich solle mich ausziehen, aber vorher das Geld auf den Tisch legen. Dann ging es relativ rasant mit der Narkoseeinleitung. Als ich wieder aufwachte, war mein Freund schon bei mir. Er hat mir erzählt, er habe sich Sorgen gemacht, denn es hätte so lange gedauert. Ich habe hinterher überlegt, was die dort drinnen mit mir gemacht haben. Das waren zwei so dunkle Gestalten. Es war wie in einem Film — beide so düster, so dunkel die Räume. Es war ja nach Praxisschluß. Das war ganz schrecklich.
Es ging mir noch längere Zeit unheimlich schlecht, weil ich mit niemandem richtig darüber reden konnte, und mein Freund selbst so hilflos war. Das Ganze war 1976. Heute weiß ich, daß Abtreibungen damals auch legal möglich waren.»

«Die haben schlecht über mich geredet.»
Marie ist 35 Jahre alt, Krankengymnastin und lebt allein. Vor fünf Jahren hatte sie einen Schwangerschaftsabbruch. Die herabwürdigende Behandlung im Krankenhaus hat ihr mehr Schwierigkeiten bereitet als der Abbruch selbst.

«Ich kam in ein riesiges Zimmer mit vielen Betten. Da lag eine frisch operierte Frau. Neben ihr lag eine, die an der Brust operiert worden war, und eine andere hatte einen Kinderwunsch und war wegen irgendwelcher Untersuchungen da. Ich mochte nicht sagen, daß ich einen Schwangerschaftsabbruch vornehmen lassen wollte. Ich habe mir eine Notlüge ausgedacht und fühlte mich damit total elend. Für mich war kein Gespräch mehr möglich, und ich hatte Angst, daß der Arzt kommt und mich dumm anmacht.
Gegen Abend haben sie mich ins Bad geholt und meine Schamhaare abrasiert. Das fand ich ganz schrecklich. Ich fragte, wann ich denn drankommen würde. Die Schwester sagte:
Am nächsten Tag kam ich so um zwei Uhr dran. Mir wurden rote Stützstrümpfe angezogen und ein Flügelhemd und ich bekam eine Spritze. Danach waren alle, die mir entgegenkamen, riesig groß. Sie haben mich in einen OP-Raum geschoben. Am Fenster standen Menschen mit verschränkten Armen und Mundschutz. Ich wurde auf einen Stuhl gelegt. Meine Beine waren auseinander. Ich guckte durch meine Beine und sah diese Menschen mit den verschränkten Armen und dem Mundschutz. Die haben über mich geredet. Ich hatte das Gefühl, die reden schlecht über mich. Obwohl ich noch nicht eingeschlafen war, haben sie mir die Beine und Arme mit Lederriemen festgezurrt. Eine Ärztin sagte: Sie schaffte es nicht. Sie hat zwei- oder dreimal gestochen. Es tat so weh, daß ich zu heulen anfing. Ich habe irgendwas gesagt wie: Die waren empört, haben auch etwas gesagt, aber dann war ich schon weg. Ich hatte noch das Gefühl, jetzt bin ich ihnen völlig ausgeliefert. Das fand ich richtig furchtbar. Die hatten alle Macht der Welt.
Als ich aufwachte, saß meine Freundin am Bett. Ich guckte unter die Bettdecke, da war alles blutig. Ich lag mit meinem Po und meinen Oberschenkeln in einer Blutlache. Mir war unheimlich schlecht. Meine Freundin holte die Schwester, und die sagte:
Ich hatte eigentlich nicht das Gefühl, etwas Schlimmes getan zu haben, aber ich sollte wohl bestraft werden. Dabei hatte ich doch alles. Ich hatte die notwendigen Bescheinigungen und wollte eigentlich nur einen Abbruch.»